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Eisbaden ist
ansteckend
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Der Himmel war trüb. Fast wie im November, wäre da nicht die Eisdecke
über dem zugefrorenen Berliner Strandbad Orankesee. Sie versteckte sich
unter einer Schicht Tauwasser, während sie sich gleichzeitig durch ungewöhnliche
Spiegelbilder verriet. Fasziniert schaute ich auf die exakt gespiegelte meterhohe
Buchstabenreihe "20. WINTERSCHWIMMEN IN BERLIN", die quer über
den See aufgespannt, den Beginn des Ereignisses unmissverständlich verkündete,
moderiert von Heinz Florian Oertel, der während meiner Kindheit regelmäßig
unsere Wohnküche beherrschte. Nie hätte ich geglaubt, selbst irgendwann
in irgendeiner Weise vom legendären Sportreporter beachtet zu werden.
Jetzt war meine Chance und ich durfte sie nicht ungenutzt verstreichen lassen.
Verheiratet mit einem Eisbader der ersten Stunde deutete alles darauf hin,
dass ich die geborene Frostbeule bin, die zwei bis drei dicke Socken übereinander
anzieht und trotzdem noch an die Füße friert. Ob sich das dauernde
Frieren gegen einen Kälteschock austauschen lässt? Einen Versuch
ist es wert und ich hörte im Herbst vor dem Jubiläums-WIB nicht
wie sonst mit dem Baden auf.
Wochenlang freute sich mein Mann darauf, mich im Eisloch fotografieren zu
können. Zu Weihnachten klappte es und das Kind einer Freundin hat mich
sogar im Fernsehen erkannt, obwohl sie gar nicht wusste, dass ich nun auch
dazu gehöre.
Beim WIB kamen dann noch zwei neue Erfahrungen auf mich zu. Wie halte ich
mich warm und wie wird es sein, mit Kleidung ins eiskalte Wasser zu gehen?
Letzteres war ein tolles Gefühl, als der weite Rock zunächst federleicht
die Beine umschmeichelte, dann schwerer wurde und an der Haut klebte, um sich
bei Schwimmbewegungen teilweise wieder abzulösen, die Knie freigab oder
bis zum Ansatz der Beine hochgerissen wurde. Das Warmhalteproblem kannte ich
von den vergangenen WIB´s zur Genüge, wo ich als Familienanhang
und Fotoreporterin dick vermummt herumstapfte, um an der Chronik der Familie
und der Berliner Seehunde gleichermaßen mitzuschreiben. Die Ergebnisse,
die ich ins Internet stellte, waren mir dennoch das stundenlange Frieren wert.
Von Jahr zu Jahr zog ich immer mehr Schichten Stoff übereinander an.
Zuweilen versuchte ich, Rettung in heißen Getränken zu finden.
Der Kübel mit lecker duftendem Glühwein lockte verheißungsvoll
und versprach schnelle Erwärmung beider Hände, und Eile war geboten,
denn das Umfassen des dünnen weißen Plastikbechers mit eisklammen
Händen würde bald zum Zerknautschen der Hülle und Vergießen
des Inhaltes führen. Am Glühweintopf wurde mir freilich schnell
der Vorteil roter Vereinsjacken klar, die rechtzeitig zu meiner WIB-Premiere
verteilt wurden. Mutiger fasste ich zu. Nachdem sich die Hände erwärmt
hatten, jagte ich die feuchte Hitzewelle durch die Kehle in den Bauch, wo
sie sich leider viel zu schnell verflüchtigte, und bis zu meinen Füßen
kam nicht eine Spur von Wärme. Auch der Inhalt des zweiten Bechers versackte
in der Körpermitte statt bis zu den Füßen zu gelangen, fatal
war, dass er viel zu schnell die Blase erreichte, und während ich am
Klo Schlange stand und nach einer Ewigkeit endlich an der Reihe war, die Hose
herunterzuziehen, verfluchte ich die Kälte im eisigen Klo, die nun auch
noch den Unterleib ergriff, wenigstens spürte ich in diesen Minuten meine
kalten Füße nicht, weil ich gerade dabei war zu erfahren, dass
es Schlimmeres gibt.
Und weil die Füße kalt blieben wie immer, begriff ich endlich,
dass die Formel "Eisbaden + Glühwein = warme Füße"
eine Fehlanzeige ist, solange man nicht gleich den ganzen Kübel nimmt
und die Eisfüße hineinsteckt. Ich sprach es aus und traute mich
nicht. Wäre doch schade um den Glühwein, dachte ich, ein Tee hätte
es auch getan. Der Gedanken an Tee erwärmte mich nun doch ein wenig,
und wen wundert es, dass ich rasch zum "T" griff, als Buchstaben
für das Gruppenfoto "20. WINTERSCHWIMMEN IN BERLIN" aller Aktiven
verteilt wurden.