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Eisbaden ist
ansteckend
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(Ein Beitrag für die Schülerzeitschrift LOCUS, 1997)
"Aufstehen !" rief eine Stimme, "Morgenstund´ hat Gold im Mund." Das erste was ich sah, als ich mühsam meine schweren Augenlider öffnete, war mein Vater in seinem neuesten Trainingsanzug. Keine zehn Minuten später saßen wir schon im Auto, welches man leicht mit einer Tiefkühltruhe verwechseln könnte. Es war jetzt punkt 9 Uhr. Nach einer halben Stunde Gnadenfrist - noch nie war eine halbe Stunde so kurz - erreichten wir das Strandbad. Kaum aus dem Auto ausgestiegen, schob mir jemand eine Axt in die Hand. Nach einem freundlichen Klaps auf die Schulter wurde ich in Richtung Eis geschoben. Im selben Moment wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst, worauf ich mich eingelassen hatte. Vor mir ein zugefrorener See. Mit zwei anderen verrückten Leuten stellte ich mich auf´s Eis und begann ein Loch zu hacken. Nach einigen Minuten gelang es den beiden anderen, mit ihren Äxten bis zum Wasser vorzudringen - und das Wasser zu mir ! Nachdem das Loch endlich groß genug und ich über und über mit Wasser bespritzt war, lief sich meine kleine Schwester mit vielen anderen warm (Mir lief auch so schon der Schweiß - vom Eishacken)... Jetzt konnte ich endlich zeigen, wie mutig ich bin. Schnell schlüpfte ich aus meiner Kleidung und erreichte als erste das Eisloch. Mit vollem Elan wollte ich ins Wasser stürzen, aber dieser Elan verschwand urplötzlich, als mein großer Zeh mit der Wasseroberfläche in Berührung kam... Auf dem Weg zurück stellte ich mit Entsetzen fest, dass die anderen jetzt in´s Wasser wollten. Ich wurde durch die anrollenden Massen zum Eisrand gedrängt. Nicht genug, dass zwei dicke Damen mir die Sicht versperrten, nein eine Eisscholle schob sich mir in den Nacken. Mein schlimmster Alptraum - Tod durch Eisscholle - schien wahr zu werden. Wie ich diese Minuten überlebt habe, weiß ich nicht, doch zu meinem Glück schoben sich die Massen wieder zurück in Richtung rettende Leiter. Endlich draußen, lief ich über´s Eis zu meinen dort zurückgelassenen Badelatschen. Ich zog sie an und fiel prompt auf die Nase - festgefroren ! Jetzt kann nichts mehr schiefgehen, dachte ich. Leider hatte ich die Rechnung ohne meine nasse Hose gemacht, deren Beine inzwischen zugefroren waren. Nachdem ich diese Hürde genommen hatte, saß ich endlich stolz im Auto. Ich hatte es geschafft ! Wer es auch einmal versuchen will, komme bitte sonntags 10 Uhr zum Orankesee. Ich bin dann auch wieder mit dabei.
Als ich nach 6 durchgebadeten Wintern einen Teil meines Studiums in Holland absolvierte, konnte ich nicht mehr zum Orankesee mitkommen. Wenn der Diplomstress vorbei ist, komme ich vielleicht wieder, schließlich habe ich Eisbaderblut in mir.