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Eisbaden ist ansteckend

Nr. 3 (Anja): Die Kleinsten müssen nicht die Letzten sein


Als ich in die dritte Klasse ging, war meine Schwester Ines schon in der Elften. Sie hatte sehr nette Freundinnen, die viel lachten, wenn sie zu Besuch kamen. Ich fühlte mich wohl zwischen den großen Mädchen, die sich durch meine Anwesenheit nicht stören ließen. Eines Tages wollte Anne ihr schriftstellerisches Talent erproben und einen Beitrag für die Schülerzeitschrift "Locus" schreiben. Ich war gespannt zu erfahren, worüber Anne schreiben wird. Ich spitzte die Ohren, aber Anne klagte weitschweifig über den Mangel an Themen. Ihr Leben würde viel zu normal verlaufen. Na so etwas, stutzte ich. Das wird ja langweilig! Plötzlich wandte sie sich ungestüm meiner Schwester zu, deren Leben ihr faszinierend aufregend vorkam. Von Minute zu Minute wurde sie immer besessener von der Idee, über Ines´ Erlebnisse beim Eisbaden zu schreiben und begann damit augenblicklich. Sie interviewte meine Schwester und lockte aus ihrem Gedächtnis Einzelheiten hervor, die ich noch gar nicht wusste. Freilich war auch ich ein Bewunderer ihres winterlichen Treibens, aber so spektakulär wie Anne hatte es noch niemand kommentiert.
Ich saugte jedes Wort auf, als betreffe es mich persönlich und war plötzlich begeistert vom Frost, der sich so tief in unser Leben eingegraben hatte. Der härteste Winter, den ich je erlebt hatte, wollte einfach nicht zu Ende gehen. Die Gewässer waren seit Monaten zugefroren. Oft sah ich Eisbrecher und hörte das Eis krachend zerbersten. Gleich dahinter schob sich ein endlos langer Kohletransporter durch die glitzernden Schollen. Wenn er durch die Lange Brücke hindurchfährt, kann man so schön auf ihn herunterspucken. Von meinen Eltern wusste ich, dass der Kohletransport zwischen Königs-Wusterhausen und dem Kraftwerk Klingenberg ganz wichtig ist, damit es in den Häusern schön warm bleibt. Draußen war es so kalt, dass die aufgebrochene Fahrrinne rasch wieder zufror. Ausgerechnet dieser Kältewinter war die erste Eisbadersaison meiner Schwester, aber das konnte sie nicht ahnen, als sie im Herbst 1996 mit dem Training anfing.
Für mich war es eher normal, als ich meiner Schwester nur ein Jahr nach ihrem Debüt in´s Eis folgte und zum Heuler avancierte. Heuler nennt man die jungen Seehunde. Immerhin war ich gerade erst Neun geworden und niemand hatte mich überredet. Ganz im Gegenteil, meine Mutter wollte mich zurückhalten, denn sie glaubte, sie müsste mich abrubbeln, einwickeln und anziehen wie ein kleines Kind. Irgendwann hatte sie nämlich mal in der Ostsee bei acht Grad Wassertemperatur gebadet, ihre Füße hingen danach wie leblose Klumpen an ihr herunter, und sie kam kaum in die Schuhe hinein. Daran dachte sie, als ich ihr von meinem Entschluss erzählte, den Winter durchzubaden. Als nach einer ungeheuer langen Zeit endlich die Luft- und Wassertemperatur merklich absank und meine Mutter sah, dass ich es ernst meinte, wusste sie längst, dass mich ihre Befürchtungen nicht beeindrucken. Und doch war sie besorgt um mich, bis sie eines Tages glücklich mit einem großen Paket nach Hause kam. Der Inhalt entpuppte sich als Warmwasserfußmassage. Nun freuten wir uns alle vier auf eine möglichst frostige Badesaison und hatten Glück. Denn für einen angehenden Eisbader ist nichts unerquicklicher als ein lascher Winter. Dafür gibt es mindestens zwei Gründe: das besondere Gefühl und die Belegfotos. Mutti war bestimmt fast genau so stolz wie ich, als sie mich im Eisloch fotografierte. Überhaupt Mutti! Fast immer, wenn sie von ihren Vogelbeobachtungen zurückkehrte, machte sie Gebrauch von der Warmwasserfußmassage, die sie eigentlich für mich gekauft hatte. Aber Mutti brauchte sie eben dringender und häufiger. Das Gerät wurde ihr einfach unentbehrlich. Sie staunte, wie gut ich zurechtkam, während sie selbst das Fußbad herbeisehnte.
Ich hatte mir so viele Verpflichtungen auferlegt, dass ich die Winterbadersaison 2003/2004 erstmals nicht mitmachen konnte. Sechs lange Winter war ich bei den Seehunden aktiv. Vielleicht hat mir Ines auch ein bisschen gefehlt, die auch sechs Jahre durchgehalten hat. Sollte Vati nun sonntäglich wieder allein zum Orankesee fahren? Da sprang Mutti ein. Wer hätte das gedacht?

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